Mein Leben


„Die Sonnenblumen an meinem Fenster sind nie
zu Lotusblumen geworden.“

Ich bin ein Kriegskind. Geboren am 07. Juli 1973. Der Vietnamkrieg raubte mir meine Kindheit, meinen Glauben und mein Lächeln. 1980 kam ich mit meiner Familie in die Schweiz. Ich war staatenlos, heimatlos, ohne Pass und Heimatschein. Ich war ein anerkannter Flüchtling.

In Münchenbuchsee (BE) ging ich dann in den Kindergarten, die Primar und Sekundarschule und beendete 1996 das Lehrerseminar in Hofwil (BE). 2000 folgte dann die Jazzschule Luzern MHS Fakultät III.

Als Kind träumte ich schon immer davon Kontrabass oder Schlagzeug zu spielen. Ein Kontrabass war aber zu teuer, ein Schlagzeug zu laut. Beides  kam also nie in Frage. Mein Traum hatte sich mit den Jahren verflüchtigt und die Möglichkeit danach zu fragen, stand nie zur Diskussion.

Jahre später bekam ich dann eine billige klassische Gitarre und begann ein paar Akkorde zu spielen. Bald fand ich mich damit zurecht. Folksongs wurden gespielt und dazu gesungen. Die Rock- und Blueswelt holte auch mich ein und die elektrische Gitarre wurde für mich zum zentralen Punkt in der Musik. Aber der Klang einer Gitarre war nie das, was ein Kontrabass mir geben konnte. Ich war mit mir nie zufrieden, wusste den Grund aber nicht genau. Mich quälte der Gedanke, innerlich ständig nur das zu hören, was ich bei einer Gitarre nie finden konnte. Ich konnte den richtigen Moment nie einfangen und meine Zeitfenster der Möglichkeiten verschoben sich ständig in meinem Leben.

My Life


„The sunflowers in front of my window did not
turn into lotus flowers.“

I am a child of war. Born 7 July 1973. The Vietnam War robbed me of my childhood, my faith and my smile. In 1980 my family and I came to Switzerland.  I was stateless, without a homeland, passport or certificate of origin. I was a recognized refugee.

I went through kindergarden and school in Münchenbuchsee (BE) and graduated 1996 as a certified teacher from the „Lehrerseminar“ in Hofwil. I then went to study Jazz at the Lucerne School Music.

Even as a child I always dreamed of playing double bass or drums. A double bass however was too expensive and drums too loud. So neither was ever an option. Over the years my dream disappeared as asking for what I wanted was out of the question.

Years later I received a cheap guitar and started to play a few chords. Soon I figured out how it worked. I played folk songs and sang along to them. The world of rock and blues soon caught up with me as well and the electric guitar became the focal point of music for me. But the sound of the guitar was never what a double bass could have given me. I was never happy with myself, but could not pinpoint the reason. I felt tormented, constantly hearing within me what the guitar could never give me. I never caught the right moment, my windows of opportunity constantly shifting in my life.

 

 

Dann kam ich mit Jazz in Berührung.


Diese Welt eröffnete mir meinen Geist, mein Wissen und
erweiterte meinen Horizont enorm.

Im Jazz ist alles erlaubt und nichts ist falsch. Noch nie dagewesene Klänge und Harmonien erfüllten mich mit Neugier und ich fand in mir wieder diesen kleinen Jungen, weit weg von der Heimat und doch so fremd und falsch hier. Der Kontrabass und das Schlagzeug ist im Jazz unabdingbar, gar essenziell. So nah wie nie fand ich den Kontrabass gedanklich wieder in mir. Wollte es mir aber zuerst nicht eingestehen. Vielleicht aus Stolz und Unwissen. Irgendwie lag zwischen uns eine unfassbare Weite, zwischen diesen zwei Welten, die man sich nicht vorstellen kann. So nah und doch so fern.

Der innere Drang und die Sehnsucht waren so gross und das Warten unausstehlich, bis eines Tages der Kontrabass dann doch noch den Weg zu mir fand.

Heute weiss ich, dass ich nirgendwohin gehöre: „Ich gehöre hierhin und dorthin.“ 

Ich bin freischaffender Musiker und Komponist.

But then I came into contact with Jazz.


This world opened up my spirit and my knowledge
and broadened my horizon enormously.

In Jazz everything is allowed and nothing is ever wrong. Sounds and harmonies never experienced before filled me with curiosity and within me I found this small boy again, far away from the homeland, feeling foreign and inadequate here. The double bass and drums are indispensable in Jazz, essential even. Close as never before I mentally found the double bass within me again.  However, I did not want to admit this to myself at first.  Maybe out of pride and ignorance. Somehow there was an incredible distance between us, between those two worlds that one cannot imagine. So close, and yet so distant.

The inner urge and yearning were so strong and the wait unbearable until one day the double bass did find its way to me after all.

Today I know that I do not belong anywhere: „ I belong here and there“

I am a freelance musician and composer.

 

Weshalb ich komponiere?


Weil ich meine Identität suche, weil ich neugierig bin und gespannt
auf die Noten, die zu mir kommen wollen.

Die Musik stellt mir hinterlistige Fragen. Denn Noten wollen gesetzt werden. Sie verlangen und suchen nach ihrem Platz. Sie kämpfen gegen mich, hinterfragen meine Gedanken, meine Arbeit und zwingen mich nachzugeben, bis ich ihnen ihren Platz gewähre. Ich bin ihr Instrument, auf dem sie spielen.

Erklärungen sind nur ein winziger Bruchteil der Wahrheit. Die Gesamtauflage meiner Kindheit ist dem Krieg zum Opfer gefallen. Der Krieg besetzte meine Heimat. Ghetto, Verlust und Elend. Gebete wurden nie erhört. Geheimschriftliche Melodien und Harmonien blättern in meinem Leben ab. Note für Note.

Die Langsamkeit meiner Gedanken kommen der Musik nur zu Gute. Herbstblätter fallen und während ich atme, verfärbte sich die Luft. Während ich atme erfriert sich meine Zeit. Unendlichkeit und Einsamkeit. Wahrheit und Mythen liegen in der Luft. Landschaft und Poesie küssen sich. Die Musik malte meine Gedanken und der Jazz wurde zu meinem Lebenselement.

Das Komponieren wurde zu einem festen Bestandteil meiner Sehnsucht. Wenige Kompositionen fanden ihren Platz auf meinem Schreibtisch, den Rest schenkte ich dem Papierkorb. Der unerträglichen Realität des Lebens gegenüber gab es nur zwei Verhaltensweisen. Entweder man ergibt sich der Verzweiflung oder man übersiedelt in eine andere Wirklichkeit, nämlich in die Geistige. Unfassbare Gedanken werden geistesabwesend ganz plötzlich fassbar.

Wissen öffnet den Himmel. Geheimnisse des Unterbewusstseins werden wach. Sterne blühen in der Nacht. Traumatische Kindheit welkt.

Komponieren ist Leben, um zu überleben.
Komponieren ist ein Trieb der Gedanken.

Warum ich komponiere?
Ich weiss es nicht!

Why I compose?


Because I am searching for my identity, because I am curious, because I wonder
about the notes that want to make their way to me.

Music asks me deceitful questions. Notes want to be set. They demand and search for their place. They challenge me, question my thoughts, my work and force me to give in until I grant them their place. I am their instrument, the instrument they play.

Explanations are only a tiny fraction of the truth. The complete works of my childhood fell victim to the war. The war occupied my homeland. Ghetto, loss and misery. The prayers were never heard. Melodies and harmonies in cipher peel away in my life. Note for note.

The slowness of my thoughts only benefits the music. Autumn leaves fall and while I breathe the air changes colour. While I breathe my time freezes. Infinity and loneliness. Truth and myth are in the air. Scenery and poetry kiss. Music painted my thoughts and Jazz became my element of life.

Composing became a fixture of my longing. Few compositions found their place on my writing desk, the rest I donated to the wastepaper basket. In the face of the unbearable realities of life there were only two courses of conduct. Either one gives in to desperation or one relocates to a different reality, the mental one. Absentmindedly intangible thoughts suddenly become tangible.

Knowledge opens the sky. Secrets of the subconscious awake. Stars blossom in the night. Traumatic childhood wilts.

Composing is life, to survive.
Composing is an urge of thought.

Why do I compose?
I do not know.

 

Was andere Menschen über mich sagen…